Am Ausgang der im Netzwerk zu erforschenden problemgeschichtlichen Konstellation steht die Erkenntniskonzeption der Transzen­dentalphilosophie. Immanuel Kant erar­beitet in der Kritik der reinen Vernunft (1781/87) eine transzendentale Ästhetik und Logik, legt die Anschauungsformen Raum und Zeit gemeinsam mit den zwölf Kategorien als Be­dingungen der Möglichkeit der Erkenntnis fest. Diese sind apriorisch, d.h., dass sie vor der Erfahrung liegen und sie erst ermöglichen. Der Mensch verfügt nach Kant über einen Erkenntnisapparat, der die Welt zwar einerseits niemals so zeigt, wie sie ‚an sich‘ ist, sondern immer nur in ihrer subjektgemäß geformten Erscheinung, der andererseits aber dennoch keiner empirischen Variabilität unterliegt. Das Apriori wird von Erfahrung überhaupt nicht tangiert, wenngleich es diese stets begleitet und ermöglicht, und garantiert einen zumindest quasi-objektiven Status des durch es generierten Wissens.

In Ausweitung dieser Überlegungen zu einem allgemeinen wissenschaftstheoretischen Programm etablieren Kants Nachfolger im deutschen Idealismus – Fichte, Schelling, Hegel – eine relativ stabile Erkennt­niskonzeption und ein näherungsweise kohärentes System des Wissens, das im frühen 19. Jahrhun­dert weite Verbreitung und hohe Verbindlichkeit quer durch die im Herausbildungsprozess befindli­chen wissenschaftlichen Disziplinen aufweist. Die Gegenstände der Erfahrungswelt gründen im gesetz­mäßigen Wirken des ‚Geistes‘, der aber wiederum, wie schon Kants transzendentales Subjekt, nicht durch Erfahrung transparent zu machen ist.


Im Zuge der Erfolgsgeschichte der Erfahrungswissenschaften kommt es in der Jahrhundertmitte jedoch zu einer folgenreichen Destabilisierung dieses Erkenntnismodells. Sie macht sich etwa zeitgleich auf den unterschiedlichsten disziplinären Feldern bemerkbar: Philosophie, Psychologie, Völkerpsycholo­gie, Physiologie, Sprachwissenschaft, und nicht zuletzt Ästhetik und Poetik. In diesen verschiedenen Bereichen wird die Beantwortung der Frage nach den ‚Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis‘ der spekulativen Erkenntnistheorie entzogen und an die Erfahrungswissenschaften delegiert. Das vormals ins Transzendentale entrückte Subjekt wird jetzt als empirische Größe verstanden und auf seine physiologische, psycholo­gische, historische, kulturelle und sprachliche Beschaffenheit hin befragt. Damit überträgt sich die ‚Kontingenz‘ der Erkenntnisgegenstände auch auf die Erkenntnisinstanzen, indem diese nämlich auf ihre empirischen Voraussetzungen zurückgeführt und somit selbst zum Objekt der erfahrungswis­sen­schaftlichen Untersuchung werden. Da der Erkenntnisapparat nun selbst als ein empirischer Sach­verhalt, neben all den anderen Phänomenen der Erfahrungswelt, behandelt wird, erscheint es zuneh­mend plausibel, ja zwingend, auch in Bezug auf ihn die Möglichkeit eines Anders-sein-Könnens in Rechnung zu stellen. Wenn aber das Apriori der Erkenntnis derart an Gewissheit einbüßt, dann auch in der Konsequenz das gesamte, auf seiner Basis generierte Wissen.


Eine wichtige und symptomatische Etappe bei dieser ‚Empirisierung‘ des Transzendentalen ist die Neuinterpretation Kants bei Friedrich Albert Lange. Dieser amalgamiert in seiner Geschichte des Materialismus (1866) unter Bezugnahme auf Hermann von Helmholtz und andere die Erkenntnistheorie Kants mit dem empirischen Wissen der Sinnesphysiologie und kommt von hier zu einer ‚empirischen‘ Revision der Transzendentalphilosophie. Aber auch in der ‚Völkerpsychologie‘ der Zeit findet sich ein analoger Gedanken­gang. Durch die empirische Untersuchung der kulturellen Bedingungen des ‚Volksgeistes‘ will man nun auch die kollektiven Determinanten des Erkenntnisapparates beschreiben (Heymann Steinthal, Moritz Lazarus), aber dieses Vorhaben bringt keine neue Art der Universalität, sondern eine vielfältige kulturelle Relativität ans Licht. Und dieses Problem ergibt sich auch aus der Reflexion der empirischen Sprachen als Erkenntnisbedingungen in der entstehenden Linguistik. Da sich nämlich auch hier herausstellt, dass das Denken vom Sprechen abhängt (Gustav Gerber, F. Max Müller), dass die empirischen Sprachen in ihrer Geschichte und ihrer Systematik nicht konform gehen mit den Prinzipien universaler Logik, so liegt es nicht weit, dass man auch den Erkenntnisapparat von dieser Kontingenz gefährdet sieht. All diese Probleme verschärfen sich noch durch den Darwinismus, der im 19. Jahrhundert die geschichtliche, teilweise so­gar ateleologische Betrachtung nicht nur von Organismen und Organen, sondern beinahe aller Phäno­mene geboten erscheinen lässt.


Wenn die menschliche Erkenntnis aber vom Wahrnehmungsapparat abhängt, dieser sich entwickelt hat und wenn Erkenntnis zudem in anderen Zeiten, Kulturen und Sprachen anders funktioniert, dann muss in der Konsequenz die Frage, was Wahr­heit sei, neu gestellt werden. Die Antworten der Epoche schwanken hier zwischen Fritz Mauthners und Friedrich Nietzsches Skeptizismus sowie pragmatischen Neuansätzen, die etwa zeitgleich eine erste evolutionäre Erkenntnistheorie entwerfen (Ernst Mach, Ludwig Boltzmann). Am Horizont zeichnet sich ein neuer Begriff von Wahrheit ab, der sie zum einen als evolutionär entstandenes Passungsver­hältnis beschreibt (Instrumentalismus) und zum anderen im transzendentalpragmatischen Wahrheitsbegriff der sprachanalytischen Philosophie kulminiert. Aber es gibt ebenso produktive Ausweich­bewegungen, etwa die ‚neue Mystik‘ um 1900 (Gustav Landauer, Mauthner, Robert Musil, etc.) sowie neue dogmatische ‚Gewissheiten‘ (Carl Du Prel und der Okkultismus).


Die Ästhetik nimmt an allen Facetten des geschilderten Problems Anteil und wirkt darauf zurück. Mit der apriorischen Instanz der Erkenntnis wird auch das Subjekt der ästhetischen Erfahrung problema­tisch. Begriffe und Normen der Kunstreflexion lassen sich nicht mehr aus einem allgemeinen, gar ‚ob­jektiven‘, Begriff des Schönen herleiten, sondern erscheinen als psychische Assoziationen und Pro­jektionen (Gustav Theodor Fechner, der späte Friedrich Theodor Vischer, Robert Vischer). Vice versa ermöglicht es die ästhetische Theoriebildung der Zeit, sinnesphysiologische und psychologische Prozesse, etwa bei Helmholtz, in semiotischem Vokabular zu beschreiben und zuzuspitzen (‚Zeichen‘, ‚Bild‘, ‚Symbol‘ etc.), die Sinnesdaten und Empfindungen als ‚Sprache‘ und die Wirklichkeit als ‚Fik­tion‘ aufzufassen sowie die spezifische ‚Narrativität‘ biologischer und kultureller Entwicklungskon­zepte zu reflektieren (Hans Vaihinger, Ernst Mach).


Und auch die Künste der Zeit partizipieren an der geschilderten Problemlage, wobei das Spektrum von der Ebene gruppenspezifischer Programme und Praktiken (Ästhetik des ‚Monismus‘, ‚Nerven­kunst‘) bis hin zu einzelnen Künstler- und Werkästhetiken reicht (etwa Hugo von Hofmannsthal, Gottfried Benn, Robert Musil). Dabei bringen die Künste stets auch ihre jeweiligen materiellen und medialen Bedingungen in Anschlag und spielen ihre spezifischen Lizenzen aus. So gilt etwa für die Literatur, dass das hier geschilderte Problem in literari­sche Texte nicht nur Ein­gang durch explizite Thematisierung und durch sprechende Stoffe und Motive findet, son­dern v.a. auch durch neue Möglichkei­ten und Spielräume der amimetischen Konstruktion fiktionaler Welten sowie durch Figurenentwürfe, die auf die epistemologischen Erschütterungen des Konzepts der Person reagieren. Im Netzwerk sollen die Zusammenhänge der ‚ästhetischen Moderne‘ und der epistemologischen Konstellation aus dem Blickwinkel einer ästhetisch sensiblen Problemgeschichte in den Blick genommen und die These diskutiert werden, ob und wie die ‚Empirisierung des Transzendentalen‘ auf all den genannten Gebieten zur Herausbil­dung einer spezifisch modernen Intellektualität beigetragen, den bewusstseinsgeschichtlichen und ästheti­schen Wandel mitbestimmt hat.


Gegenläufig zu den üblichen Periodisierungen beginnt der Untersuchungszeitraum des Projekts aber nicht erst mit den neuen künstlerischen Techniken um die Jahrhundertwende, sondern setzt schon in den 1850er Jahren ein, als das Problem sich in den Wissenschaften abzuzeichnen beginnt. Daher stellt sich das Netzwerk auch der Frage, ob eine Reflexion der ‚Empirisierung des Transzendenta­len‘ nicht auch bereits in den Künsten des Realismus ausgetragen wird. So soll auch sichtbar werden, dass zeitlich parallele Veränderungen im Literatursystem des Realis­mus und in Disziplinen, die die ‚Empirisierung des Transzendentalen‘ befördert haben, keineswegs unabhängig voneinander stattfinden, und dass etwa die viel beschriebene Zunahme subjektivierender Erzählverfahren im Spätrealismus (Raabe, Meyer) ebenfalls im Kontext dieses Problemzusammenhangs zu sehen sind.


Die leitende These des Netzwerks soll in fünf Workshops als problemgeschichtlichen Querschnitten an Einzelbeispielen über­prüft und präzisiert werden. Dazu versammelt das Netzwerk 15 Vertreterinnen und Vertreter von fünf verschiedenen Disziplinen (Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte/Bildwissenschaft, Sprachwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte), die in 30 Fallstudien unterschiedliche Aspekte des Problemzusammenhangs in den Blick nehmen. Weitere assoziierte Mitglieder und Gastvortragende verknüpfen ergänzend die Forschungsdiskussion noch über die von den Mitgliedern eingebrachten Kompetenzen hinaus.


Die Ergebnisse der Zusammenarbeit werden in einen abschließenden Sammelband sowie in den Zeitschriften KulturPoetik. Zeitschrift für kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft und Scientia Poetica. Jahrbuch für Geschichte der Literatur und Wissenschaften publiziert.