| Dr. Philip Ajouri |

„Augen, meine lieben Fensterlein“? Zur Konstruktion der Wahrnehmung im literarischen Realismus und in den damaligen Wissenschaften

Bevor die Frage nach der Empirisierung des Transzendentalen in der Literatur der Moderne explizit (wenngleich teilweise in anderer Begrifflichkeit) thematisiert wird, reagiert schon die Literatur des Realismus auf die physiologische, historische und kulturelle Relativierung des menschlichen Sinnes- und Denkapparates und leistet dieser Denk- und Forschungsrichtung auf eigene Weise Vorschub. Das impliziert zwei Thesen: Zum einen eine Abhängigkeit realistischer Autoren und deren Texte vom zeitgenössischen wissenschaftlichen Wissen über Sehen und Wahrnehmen (J. Müller, H. Helmholtz, etc.), zum anderen, dass es Anteile kultureller Konstruktion dieser Phänomene in den damaligen Wissenschaften gibt. Beide Behauptungen sollen anhand eines Textkorpus realistischer Erzählliteratur (G. Keller, A. Stifter, W. Raabe, C.F. Meyer) sowie den entsprechenden szientifischen und popularisierenden Kontexten überprüft werden. Insbesondere soll nach Veränderungen im realistischen Literatursystem gefragt werden, die in der Forschung häufig mit dem Terminus ‚Subjektivierung‘ umschrieben werden. Aufbauend auf dem Aufsatz von Monika Ritzer Die Tatsachen der Wahrnehmung (1999) soll die Relevanz der Kontexte wahrscheinlich gemacht und in den Kontexten die Ursache für den literarischen Wandel innerhalb des Literatursystems des Realismus gesucht werden. Der Abgrenzung zum programmatischen Realismus soll dabei ebenso Rechnung getragen werden wie zur Epochenschwelle der Moderne.


| Dr. Philip Ajouri |

„Bekanntlich sehen wir, was wir wissen: Chiffren, Sigel, Abkürzungen, Zusammenfassungen [...]“. Robert Musil und die Empirisierung des Transzendentalen

Musil prägt in dem bekannten Aufsatz Ansätze zu neuer Ästhetik (1926) den Ausdruck vom ‚anderen Zustand‘. Die Forschung griff dieses Wort vielfach auf und machte es zu einem Kernbegriff von Musils Poetologie. Dagegen soll hier das Funktionieren des „Normalzustand[s]“, also der alltäglichen Wahrnehmung im Werk Musils erforscht werden. Die Forschung hat dazu unter anderem durch die Erkundung des Zusammenhangs von Gestaltpsychologie und Literatur bei Musil bereits wichtige Impulse gegeben (vgl. z.B. Silvia Bonacchi: Die Gestalt der Dichtung, 1998). Als Ausgangspunkt dienen die Formulierungen aus dem eben genannten Aufsatz, wobei Notizen und Vorstufen, wie sie in der Klagenfurter Ausgabe (DVD-Version) greifbar sind, miteinbezogen werden. Durch eine Auswertung des elektronischen Volltextes des Werks von Robert Musil soll die Basis von Belegstellen für ein derartiges Verhältnis von Begriff oder Gestalt einerseits und Erfahrung oder Wirklichkeit andererseits verbreitert werden. In einem zweiten Schritt werden vor dem Hintergrund des so rekonstruierten Kontextes ausgewählte Passagen literarischer Texte Musils (insbes. aus dem Törleß und dem Mann ohne Eigenschaften) interpretiert. Abschließend soll sichtbar werden, dass es sich bei Musils Konzeption von Erkenntnis um ein Phänomen mit überindividueller Bedeutung handelt, das sich so ähnlich auch bei Gottfried Benn und anderen wiederfindet.


| Dr. Matthias Berning |

Wahrnehmung des Unsichtbaren. Die Genese des Begriffs ‚Halluzination‘ bei Carl Einstein und Gottfried Benn

In diesem Projekt soll die Valenz und – soweit möglich – Genese des Begriffs ‚Halluzination‛ in der Essayistik und Kunsttheorie Gottfried Benns und Carl Einsteins rekonstruiert werden. Bei Einstein ist eine häufigere Verwendung des Begriffs im Werkkontext seiner „surrealistischen Wende“ zu beobachten – diese Wende hat insofern mit den Bestrebungen zur Empirisierung des Transzendentalen um 1900 zu tun, als die Tendenz, mittels Methoden der experimentellen Psychologie (vor allem der Assoziationspsychologie) und dem Ziel der Psychoanalyse, das Fundamentale der Psyche der wissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen, einen entscheidenden Impuls für André Bretons Konzept der ‚écriture automatique‛ bildete, dem wiederum Einstein sich nicht verschließen konnte. Wie bei Einstein lässt sich bei Benn eine Hinwendung zu Konzepten der Psychoanalyse (mit der Assoziationspsychologie war er allerdings bereits seit ca. 1910 vertraut) Mitte der 1920er beobachten, der Begriff ‚Halluzination‛ als Modus der irrationalen und von Konventionen befreiten Wahrnehmung transzendentaler Gegenstände wird von ihm kaum aufgegriffen, taucht jedoch an zentraler Stelle in seiner Antrittsrede bei der Akademie der Künste 1932 auf. Ob Benn ihn vom Weggefährten und Freund Einstein übernommen oder aus der Auseinandersetzung mit anderen Diskursen in seine Essayistik integriert hat, soll hinterfragt werden.


| Dr. Matthias Berning |

„Die Litteraten hinken ja so jammerhaft mit ihrer Lyrik und den kleinen Kinosuggestionen hinter Malerei und Wissenschaft her”. Sprachkritik bei Carl Einstein, Carl Sternheim, Hugo Ball und Kurt Schwitters

Alle vier Autoren haben sich mit den aus ihrer Sicht begrenzten Möglichkeiten der Sprache im Vergleich zu den medialen Möglichkeiten anderer Künste wie Malerei oder Musik beschäftigt. Alle haben nach Ausdrucksmöglichkeiten gesucht, um diese Grenzen zu überwinden, zu sprengen oder sich mit ihnen zu arrangieren. Herausgekommen sind dabei zum Teil eigene sprachliche Ausdrucksformen oder wenigstens poetologische Überlegungen, die auf die seit Nietzsche, Mauthner, Vaihinger und Hofmannsthal aufgrund der Empirisierung des Transzendentalen virulenten Sprachkrise um 1900 reagieren. Diese sollen im Projekt vorgestellt und verglichen werden.


| Dr. des. Dominik Brabant |

Die Kunst der „Anstrengung“.
Zur Karriere einer Denkfigur in der Psychologie um 1900 und in den Bildkünsten des Symbolismus

Im Jahre 1908 veröffentlichten die U.S.-amerikanischen Psychologen Robert Yerkes und John D. Dodson das sogenannte Yerkes-Dodson-Gesetz, das in Form einer Parabel zeigte, dass ein mittlerer, konstanter Anspannungszustand die Voraussetzung für eine höchstmögliche Produktivität ist – nicht nur von Tieren, sondern auch von Menschen (vgl.: R.M. Yerkes, J.D. Dodson: The relation of strength of stimulus to rapidity of habit-formation. In: Journal of Comparative Neurology and Psychology 18 (1908), S. 459–482). Die transzendentale Frage nach dem Vermögen des Subjekts erfuhr nicht nur hier, sondern auch in den Forschungen von C.E. Brown-Séquard, Karl Bücher oder Richard Avenarius einen deutlichen Empirisierungsschub. Die Bildkünste haben parallel hierzu und spätestens seit Courbet mit sozialkritischen oder heroisierenden Darstellungsformen die Anstrengungen des Arbeiters in der Moderne zum eigenständigen Sujet gemacht. Von dessen berühmten Steinklopfern bis zu Gustave Caillebottes selbstvergessenen Parkettschleifern imaginierten die Künstler des neunzehnten Jahrhunderts den Körper als ökonomisches Instrument der Produktionssteigerung und zugleich als Ort physischer Verausgabung (vgl.: Philipp Sarasin: Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers. 1765–1914. Frankfurt am Main 2001). Spätestens mit der Kunst des Symbolismus kommt es jedoch zu einem subtilen Bruch in der Darstellungslogik: Wenn sich in Hodlers Imaginationen von zeitenthobener Lebenskraft die athletischen Körper scheinbar grundlos in komplizierten Verrenkungen präsentieren und wenn Rodin den menschlichen Leib immer wieder in unponderierten und angespannten Stellungen präsentiert, so wäre es wohl zu kurz gegriffen, darin nur die Einflüsse von modernem Tanz oder Hysterieforschung ausmachen zu wollen (vgl. Debora L. Silverman: Art Nouveau in Fin de Siècle France. Politics, Psychology and Style. Maarsen u.a. 1989). Die Untersuchung möchte die Frage stellen, inwiefern man in diesen Bildfindungen Formen einer gleichsam vorausgreifenden Interiorisierung von „Anstrengung“ erblicken könnte, die im Zuge einer modernen Individualisierung und Kapitalisierung ihre Verankerung in motivationalen Begründungen schon vergessen gemacht hat (vgl.: Jonathan Crary: Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur. Frankfurt am Main 2002).


| Dr. des. Dominik Brabant |

Die „Verwilderung“ des Barock.
Kunstwissenschaft um 1900 als Kontingenzbewältigung und die Trauerarbeit der Moderne

In der Kunstgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bildet der Begriff der „Verwilderung“ der künstlerischen ‚Sprache‘ der Renaissance im Barock eine feste Hintergrundmetaphorik, die oft bemerkt, jedoch als Metapher kaum eigens problematisiert wurde – nicht zuletzt schien sie doch bloß eine Wiederaufnahme der etymologischen Ursprünge des Begriffs „Barock“ im Zuge der kunstwissenschaftlichen Aufarbeitung (vgl. u.a.: Jacob Burckhardt: Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens. Hg. von B. Roeck u.a. München 2001 [Erstveröffentlichung: 1855]; Cornelius Gurlitt: Geschichte des Barockstils in Italien. Stuttgart 1887; Heinrich Wölfflin: Renaissance und Barock. Eine Untersuchung über Wesen und Entstehung des Barockstils in Italien. München 1888; Alois Riegl: Die Entstehung der Barockkunst in Rom. Hg. von A. Burda und M. Dvořák. Wien 1907). Die Untersuchung möchte diese eigenwillige Begriffsschöpfung dagegen beim Wort nehmen und den damit aufgerufenen ästhetischen, geschichtstheoretischen und epistemologischen Implikationen auf den Grund gehen (vgl. zur Methodik der Metaphorologie: Hans Blumenberg: Paradigmen zu einer Metaphorologie. In: Anselm Haverkamp (Hg.): Theorie der Metapher. Darmstadt 1983, S. 285–315. [Erstveröffentlichung: 1960]). Sie soll vor dem Hintergrund eines durch Empirisierungsschübe fortschreitenden Verlusts transzendentaler Gewissheiten durch Sinnesphysiologie, Psychophysik und Psychologie als Instrument einer Bewältigung von Kontingenzerfahrungen der wissenschaftlichen Beobachtung konturiert werden. Die Metapher wäre so als Versuch einer zumindest sprachlichen Erfassung und zugleich einer Bannung der für das Barock charakteristischen Wahrnehmungsfiguren des Exzesses, der endlosen Differenzierung und der Durchkreuzung binärer Aufteilungen zu begreifen (vgl.: Gilles Deleuze: Le Pli – Leibniz et le baroque. Paris 1988; Christine Buci-Glucksmann (Hg.): Puissance du baroque. Les forces, les formes, les rationalités. Paris 1996; Marcel Lepper: Typologie, Stilpsychologie, Kunstwollen. Zur Erfindung des ‚Barock‘ [1900 – 1933]. In: Arcadia. International Journal for Literary Studies 42,1 [2006], S. 14–28).


| Apl. Prof. Dr. Myriam Gerhard |

Von der Andersheit der Natur zur Indifferenz des Geistes

Kant betont in seiner Kritik der reinen Vernunft gleichermaßen die Grenzen der Vernunft wie auch die Grenzen der Transzendentalphilosophie. Indem er auf der notwendig vorauszusetzenden Differenz zwischen Erkenntnisgrund und Existenzgrund der Gegenstände möglicher Erfahrung besteht, wird die Gegebenheit der Natur zur unhintergehbaren Voraussetzung der Erkenntnis. Die Erkenntnis der Natur als das Andere des erkennenden Subjekts zu begreifen, erweist sich im Anschluss an Kant als eine der zentralen philosophischen Aufgaben. Mit der ab den 1850er Jahren unverkennbaren Tendenz zur Empirisierung des Transzendentalen werden nicht nur die subjektiven Formen der Erkenntnis neutralisiert, sondern ebenfalls der Geist. Als ein Naturprodukt unter anderen scheint der Erkenntnisapparat samt seinen Tätigkeiten und Produkten den Methoden der exakten Wissenschaften uneingeschränkt zugänglich zu sein (vgl. Carl Vogt: Physiologische Briefe für Gebildete aller Stände. Stuttgart 1847). Das drohende Aufgehen des Geistes in die Indifferenz des Faktischen hat jedoch weitreichende Folgen für das Selbstverständnis von Wissenschaft und Kultur.

| Apl. Prof. Dr. Myriam Gerhard |

Darwinisierung der Moral

Mit der Anwendung der Transmutationstheorie auf den ganzen Menschen gehen die Annahmen einher, dass die Fähigkeit des Menschen zu moralischen Handlungen eine Naturanlage sei und dass die „geistigen und moralischen Kräfte” (Darwin) gleichermaßen dem naturgeschichtlichen Prozess der Entwicklung unterliegen. Das Phänomen Moral wird konsequenterweise zu einem möglichen Gegenstand naturwissenschaftlicher Untersuchungen. Wenn alles „ein Product natürlicher, gesetzmäsiger Entwicklung” ist, so ist Moral entweder obsolet oder auch nur zu denken als „Etwas, das sich herausgebildet hat aus seiner eigenen, den Existenzbedingungen gemäß sich entwickelnden Natur” (Georg von Gyzicki: Darwininsmus und Ethik, 1885). In anderen Worten: Moral ist das Ergebnis eines natürlichen Adaptionsprozesses und somit als ein Vorteil im „Kampf ums Dasein” zu betrachten.

| Prof. Dr. Marcus Hahn |

Carl Einstein und die Psycho-Physiologie um 1900

Trotz der Kritik des Expressionisten Carl Einstein an der mythenzerstörenden Aufklärungsarbeit der modernen Wissenschaften ist sein Konzept psychischer Totalität, das seiner primitivistischen Kunsttheorie zugrunde liegt, durchaus wissenschaftsvermittelt. Dieser Zusammenhang soll in Auseinandersetzung sowohl mit Einsteins gleichnamigem Essay Totalität (1914) als auch mit seiner Erzählung Bebuquin (1912) rekonstruiert werden, in welcher ein von der zeitgenössischen Wahrnehmungs- und Assoziationspsychologie beeinflusstes ‚Körperwunder‘ vollbracht werden soll. Besondere Bedeutung wird dabei dem Werk des Schweizer Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin zukommen, bei dem Einstein in Berlin studiert hat. Der von Wölfflins Kunst- und Architekturgeschichte – beispielsweise in Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur (1886) – angestrebte interdisziplinäre Brückenschlag zur Sinnesphysiologie und Wahrnehmungspsychologie steht wahrscheinlich am Anfang jener ‚Übersetzungskette‘ (Bruno Latour), die schließlich in Einsteins Negerplastik (1915) zum ‚kubischen Raum‘ führt – und der davon erhofften Verschmelzung von Subjekt und Objekt in einer ekstatischen kollektiven Erfahrung.


| Prof. Dr. Marcus Hahn |

Lucien Lévy-Bruhls ‚participation mystique‘ als Empirisierung des Transzendentalen

Die von dem französischen Philosophen und Anthropologen in seinem Hauptwerk Les fonctions mentales dans les sociétés inférieures (1910) aufgestellte Verknüpfung zwischen einer den an der kolonialen Peripherie des imperialistischen Europas lebenden ‚Naturvölkern‘ zugeschriebenen ‚prälogischen‘ Mentalität und der ‚participation mystique‘, derzufolge unter Bruch logischer Regeln Tote an Lebenden oder Tiere an Menschen teilhaben können, galt in der Zwischenkriegszeit nicht als die mit den Mitteln der akademischen Philosophie formulierte Quintessenz des Totemismus, jener großen europäischen Illusion über die Nicht-Europäer, sondern als empirische Erforschung des Transzendentalen, insbesondere auch der Vorgeschichte des Transzendentalen in der europäischen Vergangenheit. Zum einen soll Lévy-Bruhls Versuch, die Bedingungen der Erkenntnis zu soziologisieren, rekonstruiert werden, zum anderen seine Rezeption bei naturwissenschaftlich ausgebildeten Vertretern der deutschsprachigen Moderne wie Robert Musil und Gottfried Benn untersucht werden.


| Dr. Tobias Heinz |

Anschauung – Erkenntnis – Sprache. Die ‚Sprachlehre‘ des frühen 20. Jahrhunderts

Die verstärkte Reflexion der Bedingtheit von Wahrnehmung, Sprache und Denken ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffnet ein thematisches Feld, das Wissenschaft und Sprachkunst gleichermaßen herausfordert – stellt sich doch die existentielle Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, nach Voraussetzungen und Beschränkungen menschlicher Erkenntnis gerade der Wissenschaft, die das Medium solcher Verarbeitungsprozesse zu erfassen und zu beschreiben versucht: der modernen Sprachwissenschaft in ihren Verbindungslinien zur Semiotik, Sinnesphysiologie, der Psychologie und zu den Naturwissenschaften. Dem Prozess sprachlicher ‚Empirisierung‘ nähert sich das Projekt mit einer Perspektivierung eines (vermeintlichen) Randbereichs dieser Entwicklung: den sprachdidaktischen Ansätzen und Reformideen auf dem Gebiet des großstädtischen Elementar- und Volksschulunterrichts („Steifzüge durch die Welt der Großstadtkinder“ betitelte der Bremer Pädagoge und Lehrer Fritz Gansberg seine 1904 erschienene Fibel). In diesen, von der Kunsterziehungs- und Arbeitsschulbewegung inspirierten, Entwürfen einer ‚Anschauungspädagogik‘ bündelt sich im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, so die Ausgangsthese, ein genuin ‚moderner‘ sprachreflexiver Diskussionsprozess, der u.a. von Gansberg auf die Fachwortschätze der Unterrichtsfächer bezogen und dadurch erkenntnistheoretisch zugespitzt wird („Wie wir die Welt begreifen“ [1913].) Gerade weil die Sprache hier als Medium und Gegenstand des Lehrens und Lernens konzeptualisiert wird, rückt sie als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis ins Zentrum eines bislang unzureichend erschlossenen Teils der Wissenschaftsgeschichte, in dem zugleich überraschend innovative Bausteine einer kognitiven Linguistik und Didaktik entworfen werden.

| Dr. Tobias Heinz |

Seele als Wort der Wissenschaft. Begriffswandel zwischen Empirie und Reflexion

Die wissenschaftsgeschichtlich bedeutsame Frage, wie sich der Empirisierungsschub des 19. Jahrhunderts in den Wissenschaften lexikalisch und terminologisch auswirkte, zielt auf die Verwendung des Begriffs Seele in der fachsprachlichen Varietät von Psychoanalyse und Sprachwissenschaft: Insbesondere die Ansätze Steinthals und Herbarts münden in die linguistische Prinzipienlehre Hermann Pauls – und damit in ein sprachpsychologisches Denken, das eine moderne, intersubjektiv überprüfbare Konzeption von Individualität und Kognition entwirft, in der die Vorstellung der menschlichen Seele unter der – zumindest intendierten – Negierung der metaphysischen Implikationen neu gefasst wird. Dieser Wandel bedeutet nichts weniger als den ursprünglichen Entwurf der Seele als ein vom Leib unabhängig gedachtes Wesen genau an diesen Körper, semantisiert als ‚Sitz innerer Vorgänge‘, zurückzubinden. Mit Pauls Vorstellung einer „Wechselwirkung der Seelen“ (Prinzipien der Sprachgeschichte) schließt dieser Prozess auch die Reflexion kommunikativer Erkenntnis im Gespräch ein. Wie das ambige Bedeutungspotential dieses die Empirie der Wissenschaften übersteigenden Wortes gleichermaßen entworfen wie verworfen wird, soll hier bedeutungsgeschichtlich und textlinguistisch erfasst werden.


| Sara Hillnhütter, M.A. |

Der optische Maßstab und der Begriffswandel der Perspektive vor 1900

Bezugnehmend auf die sinnesphysiologische Forschung formulierten u.a. Guido Hauck, Professor für Deskrikptive Geometrie, und Hermann Maertens Handlungsanweisungen für die flächige Darstellung des Raumes. Diese frühen Bildtheorien kommen einer Etablierung eines optischen Maßstabes gleich, im Rahmen dessen die Gültigkeit des geometrischen Systemraums mit den ästhetischen Aspekten des Erfahrungsraums abgeglichen wurde. Der Gesichtssinn und die Subjektivität wurden damit in den Status der Allgemeingültigkeit erhoben, der nicht notwendigerweise die Aspekthaftigkeit von Wahrnehmung einbezog. Vielmehr wurden die im Körper ausgemachten Bedingungen des Sehens ebenfalls, wie zuvor die Kategorien der Anschauung, als eine universelle Anlage eines Naturkörpers verstanden. Der semantische Wandel des Wortes ,Perspektive‘, vom Begriff für die mathematische Raumkonstruktion zum Ausdruck der Standpunkthaftigkeit, dient dem Projekt als Anzeiger für die Möglichkeit, die Wahrnehmung als kulturell bedingt zu denken.


| Sara Hillnhütter, M.A. |

Die Darstellung von Kultur in den Kompositfotografien der Kriminologie

Nachdem die Naturforscher das Ideal einer unveränderlichen und unendlichen Natur gegen das Handwerk der Morphologie eingetauscht hatten, war die Form als Erkenntnistheorie etabliert. Bildpraktiken, die den Umgang mit Menschen betrafen, weisen darauf bezugnehmend eine Überbetonung der äußeren Körperform auf. Kriminologen erstellten Tafeln und Kompositbilder von verdächtigen Menschen, um unter dem Einfluss der Schriften von Giovanni Morelli und Cesare Lombrose einen Typus des Verbrechers formulieren zu können. Die Rolle der Fotografie, deren scheinbare Unmittelbarkeit in der Anschauung dazu beitrug, dass im Umgang mit den Bildern Herkunftsaspekte einer Person, wie Kultur oder Ethnie, nicht unterschieden wurden, soll in dem Projekt einer weiteren Revision unterzogen werden.


| Clemens Janisch, M.A. |

Ästhetik und Physiologie

Am 14. Januar 1845 gründeten die Physiologen Emil Du Bois-Reymond, Hermann von Helmholtz, Ernst Wilhelm Brücke und andere unter dem Namen ,Physikalische Gesellschaft‘ ein privates Physiklaboratorium. Entgegen der dominanten idealistischen (Natur-)Philosophie wollten diese Physiologen Lebensvorgänge ausschließlich physikalisch-chemisch beschreiben und jene Vorgänge, die dieser Analyse nicht zugänglich wären, zunächst ausklammern und dem erhofften Fortschritt der Wissenschaft überlassen. Brückes vielfältige physiologisch-anatomischen Arbeiten konzentrierten sich auf die Verdauungsphysiologie, die Erforschung der Augenmuskulatur und des Gefäßsystems, wobei insbesondere seine Beiträge zu den Bestandteilen der Zelle als elementare Prinzipien des Lebens prominent untersucht wurden. Die weniger bekannten philologisch-ästhetischen Schriften zu Phonetik, Farbenlehre und Sprachphysiologie wurden dagegen nur spärlich rezipiert, sodass in Hinblick auf die ,Empirisierung des Transzendentalen‘ durchaus von einem wichtigen Forschungsdesiderat zur ästhetischen Wahrnehmung gesprochen werden kann. Brücke widmete sich beispielsweise in einer eigenen Schrift den Physiologischen Grundlagen der neuhochdeutschen Verskunst (1871) oder beabsichtigte den Linguisten und Taubstummenlehrern wichtige Erkenntnisse über Physiologie und Systematik der Sprachlaute (1856) zu vermitteln. Die Kombination aus mechanischer Muskelbewegung, physiologischer Reizvermittlung und sowohl intuitiver als auch verstandesgemäßer Verarbeitung im Gehirn wurde als Grundstruktur jeder – auch künstlerischen – Wahrnehmung gedeutet. Die Auswirkungen auf die Idee des ,Schönen‘ manifestieren sich in einer Rationalisierung der Ästhetik auf physikalisch-chemische Vorgänge. Dieses spezielle Verständnis einer rein physiologisch gedeuteten Kunstrezeption soll in Hinblick auf die Abkehr von einer transzendentalen Kategorie des ,Schönen‘ dargestellt werden.

| Clemens Janisch, M.A. |

Der Wandel der Kraft

Im 19. Jahrhundert konstituierten sich im Bereich der Naturwissenschaften ein neues Selbstbewusstsein und methodische Instrumente, die es den Naturwissenschaftlern erlaubten, sich klar gegen vitalistische oder animistische Erklärungsversuche zu positionieren und den menschlichen Geist stärker in das Gefüge der Natur einzubinden bzw. von seiner metaphysischen Bestimmung abzugrenzen. Anhand des Beispiels der Entdeckung des Energieerhaltungssatzes möchte ich in diesem Kontext aufzeigen, wie sich das Selbstverständnis als Naturforscher vom eher metaphysisch orientierten Philosophen zum empirisch arbeitenden Wissenschaftler in eben dieser Zeit der Umbrüche veränderte. Besonders interessant erscheint für mich in diesem Zusammenhang die zeitgenössische Rezeption der 1842 in Justus von Liebigs Annalen der Chemie veröffentlichten Schrift Bemerkung über die Kräfte der unbelebten Natur des Arztes und Physiologen Robert Mayer. In dieser Schrift erörtert Mayer die Möglichkeit einer Umwandlung von Bewegungsenergie in Wärme und stößt darin das Prinzip der Krafterhaltung (heute Energieerhaltungssatz) an. Hermann von Helmholtz rekurriert in seinem 1854 gehaltenen Vortrag Über die Wechselwirkung der Naturkräfte auf Mayer und erläutert darin (und in vielfältigen anderen Schriften) sein Verständnis einer physikalischen Kraft, die für ihn noch als Wirklichkeit hinter den Dingen und real existent erscheint. Im Jahr 1869 lässt sich allerdings ein deutlicher Wandel des Helmholtz‘schen Kraftverständnisses feststellen, als er in einer Rede in Innsbruck einen positivistischen Wandel seines Kraftbegriffs vollzieht und diesen fortan als Beziehungsbegriff zwischen beobachtbaren Phänomenen (Ortsveränderungen der Materie) verwendet. 1883 erscheint ein Anhang zur gedruckten Rede von 1854, in der Helmholtz die besondere Rolle Mayers im Kraftdiskurs der Zeit betont, aber auch ausführt, warum diesem in Fachkreisen mit zum Teil vehementer Ablehnung begegnet wurde. Der Kraftdiskurs entwickelte sich in der Rezeption Mayers zu einem erkenntnistheoretischen Diskurs, der die Möglichkeit eröffnet, den Wandel der epistemischen Tugenden ab 1850 genauer in den Blick zu nehmen, um so das in Veränderung begriffene Selbstverständnis als Naturwissenschaftler (entgegen den Naturphilosophen) zu analysieren. Robert Mayer wird in der gegenwärtigen Aufarbeitung der Zeit gemeinhin einzig als Randnotiz erwähnt, wobei jedoch eine nähere Auseinandersetzung mit seiner Person als Wissenschaftler – und insbesondere auch seiner zahlreichen Kritiker – für die Erklärung einer ,Empirisierung des Transzendentalen‘ in puncto einer Veränderung des Selbstverständnisses als Wissenschaftler fruchtbare Erkenntnisse zu Tage fördern könnte.

| Dr. Dr. Martina King |

Physiologisierung des Erzählens in europäischer Perspektive

Die Empirisierung menschlicher Erkenntnisbedingungen im Sinne einer physiologischen Reduktion, wie sie literarische und philosophische Sinnentwürfe der Jahrhundertwende durchsetzt, wird gemeinhin mit der Sinnesphysiologie Helmholtz‘, der Experimentalpsychologie Wundts, und mit erkenntnistheoretischen Folgeüberlegungen bei Mach in Verbindung gebracht: An die Stelle einer gegebenen Objektwelt tritt eine Summe von Sinnesdaten, die das wahrnehmende Subjekt nach bestimmten Regeln zu gestalthaften Komplexen verknüpft. Als repräsentativ für die literarische Wirkmacht des neuen Wahrnehmungsprimats gilt u.a. Hermann Bahr, dessen lebenslanges essayistisches Vexierspiel mit literaturtheoretischen Positionen selbst deutlicher als vieles Andere das unfeste, gleitende, impressionistische Ich spiegelt, das der Kulturdiagnostiker mit einer der bekanntesten Formeln der Epoche auf den Punkt gebracht hat. Doch die Reflexionen zu einem neuen, intensivierten Sehen, zu mikroskopischer Detailgenauigkeit und entsprechenden produktionsästhetischen Folgen – zum Beispiel für literarische Subjektentwürfe, für neue Fragmentiertheit, die gegen alte Ganzheit in Stellung gebracht wird – sind nicht auf die Moderne und nicht auf den deutschsprachigen Literaturraum beschränkt. Derartige Reflexionen finden sich schon um die Jahrhundertmitte etwa im französischen Realismus bei Flaubert und den Goncourts, die sich dabei auf einen anderen naturwissenschaftlichen Diskurs beziehen: die klinische Anatomie. Denn auch in dieser Zentraldisziplin der Medizin kommt es zur umfassenden Empirisierung, insofern von einer bislang klassifikatorisch-naturgeschichtlichen Krankheitsmetaphysik auf die akribische Wahrnehmung individueller sinnlicher Details umgestellt wird (vgl. Föcking 2002). Und auch hier hat die ,Empirisierung des Transzendentalen‘ produktionsästhetische Konsequenzen, insofern Autoren sich die Idee des genauen ,kurzsichtigen‘ Sehens (,myope‘) als ästhetisches Programm aneignen. Wenn in der klinischen Anatomie schon vor der Jahrhundertmitte parallele Denkbewegungen zu verzeichnen sind, wie in den Erfahrungswissenschaften gegen Jahrhundertwende, so stellt sich tatsächlich die Frage nach wissensgeschichtlichen Kontinuitäten jenseits der üblichen Epochengliederungen und auch jenseits nationalsprachlich gebundener Literaturgeschichtsschreibung.


| Dr. Dr. Martina King |

Zur produktiven Kehrseite der Sprachkritik. Narrativer Sensualismus in Döblins Frühwerk

Bei Fritz Mauthner verbindet sich die Kritik an der mangelnden Referentialisierbarkeit und epistemischen Leistung begrifflicher Rede mit einem neuen Sensualismus, der der empirischen Sinnes-Wahrnehmung vom Einzelnen den Vorrang vor jeglicher Abstraktion einräumt. Diese erkenntniskritische Konstellation erhält eine produktive Kehrseite im erzählerischen und theoretischen Frühwerk Alfred Döblins, denn sie begründet sowohl in ästhetischen Schriften (z.B. Berliner Programm) als auch im Roman Der schwarze Vorhang jene neue Unmittelbarkeit, die Döblin als neuen Naturalismus einfordert und die doch mit naturalistischer Mimesis nicht mehr viel gemein hat. Vielmehr kondensiert sich die ,physiologische Poetik‘ des Mediziners Döblin in einer kühnen, sensualistischen Tropenrede und in einem radikalen narrativen Perspektivismus, der in seiner Radikalität an die Grenzen des Darstellbaren geht. Der hier beschrittene Weg von der physiologisch informierten Sprachkritik in die Sprachbefreiung ist Döblins Generation nicht untypisch und lässt sich etwa auch in der Wortkunst-Lyrik des Sturm nachzeichnen.


| Dr. Katrin Max |

Sprachvermittelte Wahrnehmung von Zeit

Die von der Philologie des 19. Jahrhunderts gestellte Frage nach der Sprache und ihrem Verhältnis zum Denken soll im Hinblick auf die Wahrnehmung von Zeit untersucht werden. Dabei sind sowohl konkrete Fragen nach der grammatischen Realisierung von Tempus und Temporalität zu berücksichtigen als auch Überlegungen zum historisch-kulturellen Kontext anzustellen. Inwiefern hatten z.B. die damals wahrgenommenen Beschleunigungsphänomene auch Auswirkungen auf die Sprache (i.S.v. Sprachwandel)? Die für das 19. Jahrhundert konstatierten Strömungen von inhaltsbezogener Forschung im Sinne eines Bezugs zum jeweiligen ,Weltbildʻ (vgl. W. v. Humboldt) einerseits und auf formale Kriterien fokussierte Erarbeitung sprachlicher Eigengesetzlichkeiten (vgl. Junggrammatiker) andererseits sollen dabei mit Bezug auf ihre Positionierung von Universalität vs. Relativität von Sprache untersucht werden (unter besonderer Berücksichtigung der Arbeiten von Heymann Steinthal, Wilhelm Wundt, Franz Nikolaus Finck und Karl Voßler).


| Dr. Katrin Max |

Antizipation des „Culture-bound Syndrome“? Kulturell bedingte Prägung der Wahrnehmung von Krankheit im ausgehenden 19. Jahrhundert

Dass bestimmte Krankheitsbilder durch den jeweiligen kulturhistorischen Kontext geprägt sind, wurde im späten 19. Jahrhundert sowohl durch die Fachwissenschaften als auch durch die Künste thematisiert. Neben den gewonnenen ethnologischen Ansichten über andere Völker und einer sich etablierenden Völkerpsychologie waren es vor allem die empirischen Beobachtungen innerhalb der eigenen Kultur, die das Aufkommen einer Reihe neuartiger bzw. nun gehäuft auftretender Krankheiten belegten und die Frage nach deren Ätiologie aufwarfen. Insbesondere diejenigen Krankheiten, die zunächst als vorrangig zivilisatorisch bedingt angesehen wurden (z.B. Neurasthenie, Suchtkrankheiten, Essstörungen), erfuhren im Laufe der Jahre eine Umdeutung, wobei eine bemerkenswerte Pluralität der angenommenen Ursachen innerhalb der Fachwissenschaften zu konstatieren ist. Diese Entwicklung soll anhand exemplarischer Schriften sowohl des medizinischen Diskurses (Theodor Ziehen, Paul Julius Möbius, Leopold Löwenfeld) als auch aus dem kulturkritisch-feuilletonistischen Bereich (Max Nordau, Oswald Bumke) mit Blick auf die jeweilige kulturhistorische Verortung nachgezeichnet werden. Ausgehend davon soll gefragt werden, inwiefern literarische Texte die o.g. ‚neuen‘ Krankheiten aufgriffen und ob in Hinblick auf die Postulierung von kultureller Prägung Differenzen zwischen Texten der ästhetischen Moderne (Arthur Schnitzler, Eduard von Keyserling) und solchen, die nicht dazu zählen (vor allem Werke der Populär- und Unterhaltungsliteratur u.a. von Max Nordau, Beatrice Harraden) auszumachen sind.


| Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm |

Typologie und ästhetisches Denken um 1900

Um 1900 zeigt sich eine flächendeckende Konjunktur des typologischen Denkens: In verschiedenen geistes-, gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Disziplinen – Soziologie, Philosophie, Psychologie, Medizin, Biologie, Anthropologie, Geschichte, Literatur- und Kunstwissenschaften –, aber auch im populären kulturtheoretischen Schrifttum der Zeit kursieren zahllose Typologien. Das Projekt geht von der These aus, dass diese Typenlehren als Reaktion auf die Empirisierung des Transzendentalen zu einer charakteristischen Denkform der Zeit werden. Gegenstand der Analyse sind hierbei insbesondere die kunst- und literaturwissenschaftlichen Versuche, bestimmte Grundhaltungen oder -begriffe zu fixieren und die Geschichte von Kunst und Literatur als Geschichte wiederkehrender elementarer Stilbestimmtheiten sowie Kunstwerke als Effekt unterschiedlicher Persönlichkeitstypen zu beschreiben.


| Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm |

Empirisierung und Literarisierung in der Ethnologie. Adolf Bastian als Autor

Die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Ethnologie gehört seit geraumer Zeit zu den Grundbeständen methodologischer Selbstreflexion in der Ethnologie und, ihr folgend, in der kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft. Das Projekt nimmt seinen Ausgang von der Beobachtung, dass der erste deutsche Ethnologe, der systematisch Feldforschung betrieb und als Begründer der deutschen Ethnologie gilt, Adolf Bastian, einen geradezu wilden Schreibstil an den Tag legte; an seinem Beispiel soll das spezifische Verhältnis von empirischer Wende und literarischen Verfahren in der Gründungsphase der Ethnologie als Disziplin untersucht werden.


| Dr. Angus Nicholls |

Die Rezeption von Charles Darwin in der Sprachwissenschaft. August Schleicher und Friedrich Max Müller

Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind Analogien zwischen natürlichen Organismen und Sprachen in den Werken von wichtigen Sprachwissenschaftlern zu finden. Bei Friedrich Schlegel (1808) und Franz Bopp (1833), um nur zwei Bespiele zu nennen, begegnet man Begriffen wie ,Stamm‘ und ,Wurzel‘, durch welche eine analogische Erklärung der sprachlichen Entwicklung dargelegt wird. Diese analogischen Erklärungen sind als teleologisch zu betrachten, insofern als sie Entwicklung unter dem Begriff des Organischen verstehen. Mit dem Erscheinen von Charles Darwins Origin of Species (1859) wurde die teleologische Erklärung der biologischen, humanen und sprachlichen Entwicklung radikal in Frage gestellt. In der sprachwissenschaftlichen Rezeption von Darwin in Deutschland und Großbritannien um die Zeit von 1860–1870 gab es zwei Hauptfiguren, die Auseinandersetzungen bzw. ‚Anpassungen’ mit den Ideen Darwins unternahmen und auch Einflüsse auf die verschiedenen Ausgaben von Darwins Descent of Man (1871) ausübten: August Schleicher und Friedrich Max Müller. Während Schleicher nach 1859 eine streng darwinsche Erklärung der sprachlichen Evolution versuchte – eine Erklärung, die dann von Darwin in seinem Descent of Man übernommen wurde – war Müllers Darwin-Rezeption von einer starken, religiös-geprägten Ambivalenz charakterisiert. Das Ziel dieses Beitrags ist zu zeigen, dass diese Episode in der Rezeption Darwins nicht nur von historischem Interesse ist. Sie enthält auch wichtige Implikationen für gegenwärtige Debatten in Bezug auf evolutionsbiologische Erklärungen in den Kulturwissenschaften.


| Dr. Angus Nicholls |

Werte in den Geisteswissenschaften. Post-Darwinsche Teleologie bei Wilhelm Dilthey

In Kants Kritik der Urteilskraft wird die Teleologie als ein ‚Fremdling’ in der Naturwissenschaft bezeichnet. In den Naturwissenschaften können teleologische Ideen nur heuristisch verwendet werden, so Kant, weil sie sich über die Grenzen unserer empirischen Erfahrung ausdehnen. Durch die Werke Darwins setzte sich die Kritik an der Teleologie noch schärfer durch. Nach 1859 schien es der Fall zu sein, dass Biologie ohne teleologische Hilfsbegriffe möglich war. In diesem Darwin‘schen Kontext gab es für die Human- oder Geisteswissenschaften zwei mögliche Hauptwege. Der erste war eine Biologisierung oder Empirisierung der Geisteswissenschaften, die in der Völkerpsychologie, in der Soziologie und Psychologie, sowie in der Literaturwissenschaft des frühen Dilthey oder Wilhelm Scherers zu finden sind. Der andere Weg war die Geisteswissenschaften durch die offene Verwendung von normativen Werten oder values zu bestimmen und sie dadurch von den Naturwissenschaften vollkommen abzugrenzen. In seiner frühen Karriere (innerhalb des Zeitraums von 1875–85) hat Wilhelm Dilthey beide dieser Forschungsrichtungen untersucht. Die erste Richtung begegnet in dem langen Aufsatz Über die Einbildungskraft der Dichter (1878), der in der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft erschien. Die zweite Richtung kommt in Diltheys Einleitung in die Geisteswissenschaften aus dem Jahr 1883 zum Ausdruck. Diese Fallstudie wird versuchen, Diltheys Übergang von einer biologisierten und positivistischen Literaturwissenschaft in die philosophische Hermeneutik zu schildern.


| Jun.-Prof. Dr. Benjamin Specht |

Empirie und Esoterik. Wirklichkeits- und Subjektbegriff in Poetik und Lyrik von Arno Holz

In den 1880er und 1890er Jahren war Arno Holz der führende Poetologe und Lyriker der ersten Berliner Moderne, bevor er dann im neuen Jahrhundert zunehmend an die Peripherie des ‚literarischen Feldes‘ gerät. In der Literaturwissenschaft gilt er gegen seinen erklärten Widerstand oft als Vordenker eines ‚konsequenten Naturalismus‘, verstanden als Verpflichtung der Kunst auf möglichst exakte mimesis einer vorfindlichen Wirklichkeit. Im Projekt soll hingegen gezeigt werden, dass sich sowohl seine Theorie als auch seine dichterische Praxis am Problem der Empirisierung des Transzendentalen entzünden und nicht als schlichter Objektivismus verstanden werden dürfen: ‚Wirklichkeit‘ wird von Holz konsequent an die Perzeption des Subjekts gebunden, dieses wiederum wird im Zuge der epochalen Problemlage als Begründungsressource problematisch. In allen Phasen und allen Facetten seines Wirkens versucht Holz daher, eine neue posttranszendentale Form von Gewissheit zu erzeugen mittels einer Reihe narrativer, deiktischer und lexikalischer Verfahren. Stets sucht er dabei den Bezug auf ‚empirisches‘ Wissen seiner Zeit zur ‚Letztbewahrheitung‘ seiner Thesen, funktionalisiert es mit literarischen Mitteln aber neu: in den frühen 1890er Jahren rezipiert er die Wissenschaftstheorie des Positivismus, dann einen Monismus Haeckel‘scher Prägung, schließlich die Lehre der ‚Zahl als formendes Weltprinzip‘ von Robert Reß. Parallel dazu erprobt Holz auch in seiner Lyrik, besonders den diversen Textstufen des Phantasus, neue Konzepte der textuellen Inszenierung von Subjektivität, die am Ende dazu führen, dass die steten Bezüge auf ‚Empirie‘ umschlagen in eine zunehmend esoterische Weltanschauung. Indem es diese Entwicklungen vor dem Hintergrund der ‚Empirisierung des Transzendentalen‘ rekonstruiert und kontextualisiert, kann das Projekt am Beispiel der Werkbiographie Holz‘ einen Beitrag leisten zur jüngst wieder verstärkt diskutierten Frage nach der Modernität des Wirklichkeitsbegriffs im Naturalismus, nach dem Verhältnis von Poetologie und literarischer Praxis in der Berliner Moderne sowie allgemein von Kunst, Wissenschaft und Weltanschauung um 1900.


| Jun.-Prof. Dr. Benjamin Specht |

„Wurzel alles Denkens und Redens“. Der wissenschaftliche und der poetische Metapherndiskurs um 1900

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts löst sich die Reflexion der Metapher endgültig aus der Einbindung in die überkommene rhetorische Tropenlehre und expandiert in die Breite der kulturellen Debatten über menschliche Welterschließung, Handlungsorientierung und ästhetische Erfahrung. Bei allen Unterschieden der jeweiligen Modelle und Bewertungen werden über sie nun grundsätzliche Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit der menschlichen Referenz auf ‚Welt‘ diskutiert, und diese sollen unter erklärtem Verzicht auf idealistische Begründungen und unter Einbezug empirischen Wissens über Sprache, Psyche und Kultur des Menschen geklärt werden. Neben dem Ausbau ihrer ästhetischen Reflexion in Einfühlungs- und Erlebnis-Ästhetik avanciert die Metapher daher auch in der entstehenden Linguistik zu einem kardinalen Gegenstand, überdies bei der erkenntnistheoretischen Frage nach dem Verhältnis von Sprechen, Denken und Wahrnehmen. In der Psychologie der Zeit wird sie als ins Sprachliche gekehrtes Komplement basaler psychophysischer Assoziations- und Projektionsmechanismen betrachtet, das Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der seelischen Prozesse erlaubt. In der Ethnologie und Mythenforschung fungiert sie zudem als Rudiment einer mythischen und ‚primitiven‘ Bewusstseinsform. Im Historismus und in der Sprachkritik dagegen wird die Metapher zwar gleichermaßen als genetisches und logisches Apriori vorgestellt, gilt in dieser Eigenschaft aber gerade nicht als Restbestand ursprünglicher Einheit, sondern als Inbegriff des unhintergehbaren und arbiträren Anthropomorphismus. Dieser komplexe wissenschaftliche Diskurs über die Metapher soll im Projekt rekonstruiert und im Anschluss daran dargelegt werden, dass und wie er auch im literarischen Kontext ausgetragen wird, oft sogar auf avanciertere Art und Weise. Kunst und Wissenschaft beobachten sich im Zeichen der Metapher genau und kritisch, wobei die Literatur, besonders die Lyrik, auch in praxi das Problem verhandelt, ob und wie in ihrem besonderen poetischen Gebrauch noch immer die Möglichkeit einer Anbindung von menschlichem Bewusstsein und ‚Lebenswelt‘ liegen könnte. Auf welch unterschiedliche poetologische und poetische Umgangsweisen sie dabei gelangt, soll anhand exemplarischer Analysen von Gedichten aus dem Kontext der Berliner, Wiener und Münchner Moderne demonstriert werden.


| Prof. Dr. Céline Trautmann-Waller |

„Wir müssen die Idee mitten in die mechanische Denkweise hineinstellen“. Steinthal liest Hermann Lotze und Friedrich Albert Lange. Psychologisierung und Empirisierung oder die Völkerpsychologie zwischen Idealismus und Materialismus

Heymann Steinthal und Moritz Lazarus stellen in ihren Beiträgen für die von ihnen gegründete Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft die neue Wissenschaft der Völkerpsychologie als einen Versuch dar, die Gesetze des „Gesamtgeistes“ zu erfassen. Neben der Auseinandersetzung mit den Linkshegelianern und dem englischen und französischen Positivismus ist besonders bei Steinthal diejenige mit Lotzes Mikrokosmus und mit Langes Geschichte des Materialismus, die ebenfalls den Anspruch erheben die Kluft zwischen den modernen Naturwissenschaften und der Philosophie (und ihren Ansprüchen der synthetischen Welterklärung) zu überbrücken, entscheidend. Indem die Auseinandersetzung mit diesen beiden anderen Modellen, dem neukantianischen und dem neuidealistischen, untersucht wird, soll gefragt werden, inwiefern die von der Völkerpsychologie angestrebte Psychologisierung, in der die Begriffe von Herbarts Individualpsychologie auf die Sozialpsychologie übertragen werden, tatsächlich ihrem Anspruch gerecht wird, die Hypostasierungen des Idealismus zu vermeiden und eine Empirisierung der Geschichtsphilosophie, der Sozialphilosophie und der Ethik zu leisten, ohne in bloßen Materialismus zu verfallen.

| Prof. Dr. Céline Trautmann-Waller |

Stillehre als empirische Kunstlehre. Empirisierung in der Ästhetik und Kunstgeschichte bei Gottfried Semper und Alois Riegl

Der von Gottfried Semper in seinem Buch über das Kunstgewerbe, Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten, oder Praktische Ästhetik, erhobene Anspruch verschiedene Stile auf Technik und Materialbeschaffenheit zurückzuführen, verstand sich unter anderem als ein Versuch, Subjektivismus und Spekulation in der Ästhetik zu überwinden und durch die Ausrichtung auf die Kunstgegenstände Fundamente für eine „empirische Kunstlehre“ zu finden. Von Alois Riegl wird dieser Ansatz in seinen Stilfragen zugleich übernommen und kritisiert. Bei beiden geht es darum das Verhältnis von Naturformen zu Kunstformen anders als durch den bloßen Rekurs auf die Mimesis zu analysieren und somit auch die anthropologischen Ursprünge des Ornaments, als eine der ersten Formen von ,Kultur‘, in ihrer Heterogenität zu erfassen. Durch die Untersuchung der unterliegenden Apperzeptionstheorien und Funktionalisierungsmodelle soll gefragt werden, wie der empirische Schub sich zugleich als ,Rettung‘ einer gewissen Idealität und Autonomie der Kunstformen versteht.

| Prof. Dr. Paul Ziche |

Komplexe Elemente. Neuartige Gegenstände und neuartige Erfahrungsbegriffe

Die Zeit ,um 1900‘ sieht in unterschiedlichsten Gebieten ein Aufkommen ,komplexer Elemente‘: irreduzible Basiskonstituentien, aus denen sich die komplexe Wirklichkeit aufbauen lässt, wobei trotz dieses Konstitutionsansatzes ein reduktionistischer Atomismus abgewiesen werden sollte. Akzeptiert man die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit solcher komplexer Elemente, so hat dies sofort Implikationen für die Methoden und Erfahrungsmodi, in denen diese Elemente zugänglich werden können. Diese neuartigen Elementbegriffe sind punktuell bereits untersucht – am deutlichsten sicher in der Geschichte der Gestaltpsychologie, die genau im betrachteten Zeitraum eine derartige Elementauffassung propagiert –; hier soll dieses Phänomen in seiner Breite und in der Interaktion verschiedener Wissenschaftsgebiete vorgestellt werden: Komplexe Elemente begegnen in der Mathematik (Algebra; projektive Geometrie) ebenso wie in der experimentellen Denkpsychologie dieser Zeit (beide Gebiete haben direkte Berührungspunkte mit der Gestaltpsychologie); innerhalb der Philosophie ist an die Phänomenologie zu denken, aber auch an die Debatten um eine Konstitutionstheorie, wie sie in der frühen analytischen Philosophie geführt wurden; irreduzibel komplexe Strukturen werden in der Psychoanalyse Freuds ebenso Thema wie in den philosophiehistorischen Kulturanalysen Ernst Cassirers. Alle diese Theoriekomplexe stehen in enger Verbindung; der Ansatz bei ,komplexen Elementen‘ erlaubt es, diese Verbindungslinien exemplarisch zu entschlüsseln und ein zentrales Konzept der wissenschaftlich-kulturellen Debatten um 1900 zu erschließen.


| Prof. Dr. Paul Ziche |

Natur und Naturphilosophie. Dimensionen des Natürlichen um 1900

Die Periode um 1900 erlebt eine überraschende Renaissance der Naturphilosophie als Fachgebiet. Überraschend ist dies angesichts der überaus scharfen Kritik, die um die Jahrhundertmitte aus naturwissenschaftlicher Perspektive an der Naturphilosophie idealistisch-romantischer Provenienz geübt wurde. Die neue Naturphilosophie um 1900 ist in vielfacher Weise aufschlussreich: breit getragen, aus unterschiedlichen Fachrichtungen und selbst Weltanschauungen heraus (Materialisten: Der Untertitel van Büchners Kraft und Stoff benennt ausdrücklich die Naturphilosophie; szientistische Monisten wie Wilhelm Ostwald; katholische Denker wie Jacques Maritain; logische Empiristen wie Schlick oder Reichenbach arbeiten ausdrücklich zur Naturphilosophie), und breit ausstrahlend auch in Kontexte der Wissenschaftspopularisierung okkupiert die Naturphilosophie ein Terrain zwischen methodischer und inhaltlicher Wissenschaftsreflexion einerseits und einer sehr viel umfassenderen Faszination an Naturphänomenen andererseits. Sowohl hinsichtlich des Bereichs relevanter Phänomene als auch in den Methoden sucht die Naturphilosophie deutlich nach einer Position zwischen einer Orientierung an den neuesten wissenschaftlichen Resultaten und Praktiken (etwa in der neuen Mathematik des 19. Jahrhunderts) einerseits und einem Interesse an den ganz großen Fragen (was ist Materie? besteht ein Unterschied zwischen Geist und Körper? was ist die allgemeinste Theorie über Seiendes?) andererseits. Alle Grenzziehungen innerhalb des Wissenschaftssystems und zwischen Wissenschaft und einem Außenbereich des Nicht-Wissenschaftlichen werden hierbei zur Diskussion gestellt. Das Projekt wird sich der internen Verfasstheit des Fachgebiets ,Naturphilosophie‘ um 1900 widmen und die verbindenden Strukturen behandeln, die über Fachgebietsgrenzen hinweg ein solches Gebiet konstituierten. Zugleich war dieses Gebiet von besonderem Interesse auch für Literaten und bildende Künstler (als Beispiel sei auf Alfred Döblins naturphilosophische Texte zum Verhältnis von Ich und Natur verwiesen). Auch diese Bezüge werden erschlossen werden.